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Über das Verlieben

Ihr Lieben, hier meldet sich Eure treulose Tomate – nach endlos langer Zeit. Ich habe so lange nicht mehr diesen Blog gefüttert, dass ich davon ausgehe, dass die meisten schon gar nicht mehr draufklicken. Nun denn, ich wage einen neuen Versuch. Im letzten Jahr habe ich an so vielen neuen Büchern rumgetippt, dass ich gar nicht mehr auf die Idee kam, mich auch noch auf dieser Seite zu tummeln. Doch nun sind die meisten meiner Babys auf dem Weg das Licht der Buchwelt zu erblicken und ich kann ein bisschen durchatmen. Ein, zwei Monate, um genau zu sein. Mein nächstes Buch beginne ich nämlich in Nepal zu schreiben. In wenigen Wochen werde ich wieder meine Kinder aus dem Waisenhaus in Bhaktapur in die Arme schließen können. Wer hätte ahnen können, dass ich mich so unsterblich in diesen wilden Haufen verlieben werde? Damals, vor gut einem Jahr bin ich aufgebrochen, um meinen Patensohn Suresh zu besuchen. Ein Spontentschluss mit weitreichenden Folgen, wie sich später heraus stellen sollte. Eigentlich wollte ich nur ein paar Tage bleiben, fast schon als würde ich ihn nur “besichtigen” wollen. Ich schäme mich für dieses Wort, aber irgendwie war es so, wenn ich ehrlich bin. In Wahrheit war ich ganz scharf auf einen neuen, aufstrebenden Guru, der nahe Kathmandu vor zwei Jahren ein Kloster gegründet hat. Ein junger Nepali, der als erleuchtet gilt und auch noch unglaublich gut aussieht. Da wollte ich hin und mich ihm zu Füßen werfen! Doch zunächst fuhr ich mit einem maroden Taxi eine holprige Straße hinauf. Das Waisenhaus liegt oberhalb der Stadt Bhaktapur und hat an klaren Tagen einen umwerfenden Blick auf den Himalaya. Als ich ankam waren die Kinder noch in der Schule. Ich wartete mit zwei Praktikantinnen aus Australien auf ihre Ankunft. Der erste, der in den Hof kam, war mein Patensohn Suresh. Ich erkannte ihn sofort von den Fotos, die man mir geschickt hatte. Ein schmächtiger Junge mit zarten Gliedmaßen einem ebenso zarten Gesicht. Er kam auf mich zu und fragte: “You love me, aunty?” Tja, und das war’s dann auch. Mein Herz ging auf der Stelle auf wie der sprichwörtliche Hefeteig auf der warmen Heizung. Ich quoll über. Und jeden Tag, den ich mit ihm und den anderen Kindern verbrachte, quoll es mehr aus mir heraus. Es quillt immer noch – es ist nicht mehr zu stoppen. Ich verliebte mich in die Kinder, ich verliebte mich in Riya, die Waisenhausmutter, ich verliebte mich in Jamuna, Maiya und Bhavati, die drei jungen Frauen, die im Waisenhaus leben und arbeiten. Ich verliebte mich in Aama, die Patriarchin der Familie und in die Nachbarin, die wir alle “neighbour aunty” nannten. Ich verliebte mich Renee, jene junge Australierin, die mit mir im Waisenhaus lebte und in die rundliche, kleine Frau, die den Teeladen im Dorf am Laufen hält, Ich verliebte mich mit Haut und Haaren in die Felder um unser Haus herum, in den Tempel über dem Dorf, in dem der versteinerte Kopf Shivas auf gelben Tüchern ruht, und in Jack unseren Hofhund. Als ich nach ein paar Wochen wieder nachhause flog, weinte ich im Taxi auf dem Weg zum Flughafen so sehr, dass mir der Taxifahrer ein Taschentuch zustecken musste und mich der Mann beim Einchecken fragte, ob mit mir alles in Ordnung sei. Seitdem hat mein Verliebtsein nicht mehr nachgelassen, obwohl ich sie alle, also meine neue Familie in Nepal, nicht mehr wieder gesehen habe. Aber ich skype regelmäßig mit Riya und lasse mir alles haarklein erzählen. Und Sita, ein 12 jähriges Mädchen aus dem Waisenhaus, zum dem ich eine ganz besondere Verbindung habe, hat mir Nachrichten über andere Praktikanten, die nach mir kamen, zukommen lassen. “Please come home very quick quick quick!”, war ihre letzte. YES , I come home quick, very quick!!!! Eure Butali Didi! Ps: den jungen Gurun können jetzt andere anschmachten, denn ich, ich bin in ein ganzes Dorf verliebt!


2 Comments

  1. hinreissend gut geschrieben susanne!!!!

  2. hallo Liebe Susanne Seethaler, hier schreibt Dir auch eine Susanne. Habe zufällig Dein Buch “das Mädchen im rosafarbenen Kleid” in die Hand bekommen und gelesen. Fand ich sehr toll und bereichernd. Ich habe auch eine ähnliche Geschichte hinter mir:-) und Du hast mich einfach berührt und so habe ich mal gegoogelt nach Dir. Du schreibst so, dass es einen einfach berühren muss. liebe Grüße Susi

 

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