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Gigi

Ihr Lieben, noch wenige Tage, bis ich nach Kathmandu aufbreche. Drei Monate bei meinen Kindern und meiner Zweitfamilie in Sipadol nahe Bhaktapur liegen vor mir. Ich bin aufgeregt und freue mich sehr. Doch bevor ich mich auf den Weg um den halben Erdball mache, möchte ich mich mit einer Geschichte von Euch hier auf diesem Blog verabschieden. Ich werde in den kommenden Monaten regelmäßig über Facebook von meinen Erlebnissen in Nepal berichten. Wer also mag, kann sich gerne meinem Freundeskreis dort anschließen. Doch nun zu meiner Geschichte, die eigentlich gar keine ist; es handelt sich eher um eine schlichte Begegnung, die mich nachdrücklich beeindruckt hat. Ich habe Gigi getroffen! Vor drei Wochen stieg ich in einen Bummelzug nach Niederbayern. Ich meditiere dort regelmäßig in einem abgelegenen Meditationszentrum. Ich freute mich auf drei Wochen in kompletter Stille und mit intensiver Praxis. Auf halber Strecke musste ich umsteigen. Noch vor dem Einsteigen bemerkte ich eine junge, augenscheinlich behinderte Frau, die an der Hand ihrer Begleiterein sehr aufgeregt schien. Sie trippelte von einem Bein aufs andere und konnte es kaum erwarten, in den Zug zu steigen. Ihre Bewegungen waren extrem unbeholfen, ihr Kopf seltsam nach vorne gestreckt und ihre Hände flatterten wie fremdartige Vögel unkontrolliert in der Luft umher. Mein erstes Gefühl war Befremdung und – ja! – auch Abwehr, aber ich beschloss aus genau diesen Gründen mich in die Nähe der beiden zu setzen. Die junge Frau wurde liebvoll von Mantel und Mütze befreit; sie stieß dabei spitze Schreie aus, die unangenehm durch das ganze Abteil gellten. Und auch als sie sich setzte schrie sie weiter. Doch kaum hatte sich der Zug in Bewegung gesetzt, begann sie rhythmisch auf den Abfallbehälter unter dem Fenster zu klopfen und laut und voller Freude “Gigi!!!” zu rufen. Sie lachte und lachte dabei und irgendwann sprang ihre ungebändigte Freude auch auf mich über. Zwischen all den “Gigis” tönten immer wieder lange und kurze “Uhs?” und “Ahs?”, die stets wie Fragen klangen. Dann wandte sie sich plötzlich mir zu. Ihre Augen waren braun und trotz der Freude irgendwie ausdruckslos. Sie starten mich an. Ich konnte kein “Erkennen” im herrkömmlichen Sinne in ihnen entdecken. Es war, als wäre Gigi, so hatte ich das Mädchen heimlich “getauft”, irgendwo in sich selbst versunken. Sie reckte mir ihr Gesicht entgegen. “Uh?”, fragte sie mich. Ich blickte hilfesuchend zu ihrer Begleiterin. Was sollte ich antworten? Die Dame zuckte lächelnd mit den Schultern. Ein zögerndes “Gigi!”, kam über meine Lippen. Nun ging ein Strahlen über Gigis Gesicht und sie versuchte, mir unbeholfen die Hand zu schütteln. Ihre Finger waren zart wie Vogelknöchelchen. Dann wandte sie sich wieder ab und schaute auf dem Fenster, aufs Neue freudig “Gigi!!!” rufend. Drei Sationen weiter stiegen die beiden aus. Als der Zug losfuhr winkte Gigi mir mit flatternden Gesten zu, das Gesicht strahlend, ein lautes – wie sollte es auch anders sein! -  “Gigi” auf den Lippen. Ich winkte zurück. Eine Woche später, ich machte gerade Gehmeditation unter der großen Linde, die das Semniarhaus überragt, hörte ich plötzlich laut und deutlich ein “Gigi!!!” aus den noch kahlen Ästen zu mir herunter schallen. Ich blickte nach oben. Ein kleiner, schwarzer Vogel setzte gerade aus voller Kehle zum nächsten “Gigi” an. Ich lächelte in mich hinein und grüßte Gigi innerlich mit einem von Herzen kommenden AH!


1 Comment

  1. Liebe Susanne,
    die Bummelzugstrecke kenne ich, vor allem die, nach der du umgestiegen bist.. Denn dort wohne ich ;) . Sowohl auf der Zugstrecke, als auch in meinem Heimatort gibt es oft solche Begegnungen dieser Art. Wir haben in unserem Ort 3 Senioren- und Behindertenheime. Ich gebe es zu, manchmal nervt es, wenn sie in der Gruppe zum einkaufen gehen und 8 Leute vor mir sind an der Kasse und alles bei ihnen kompliziert und zeitraubend ist. Ich in Eile bin, weil ich rechtzeitig nach Hause soll. Im nachhinein finde ich diese Begegnungen aber sehr oft als bereichernd. Ich bin glücklich und dankbar, dass ich gesund bin und mich klar ausdrücken kann, dass ich die Höhe meiner Ausgaben meines Einkaufes selbst bestimmen kann, dass ich einkaufen kann nach meiner Zeit, selbstbestimmt und ich bestimmen kann, wo ich diese verzehre und mich nicht auf eine Parkbank, auf dem Gehsteig setzen muss, schnell runterschlingen muss, weil der Betreuer wieder um eine bestimmte Uhrzeit zurück sein muss. Ich grüße alle recht freundlich und oft kommt ein Lächeln und ein Gruß zurück, denn es grüßt in meinem Ort kaum jemand. Jeder hat seine Geschichte, ich kenne sie nicht, aber ein freundliches Wort und eine Geste tut jedem Menschen gut.
    Eine schöne Zeit Dir und ich freue mich schon auf Deine Berichte aus Sipadol. Genieße die Menschlichkeit dort und das Wesentliche im Leben und pass auf di auf und kim Gsund wieda zruck. Sieglinde

 

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