drucken drucken

Das große, weite Herz

Hallo Ihr Lieben, ich habe mich nun schon so lange nicht mehr via Blog bei Euch gemeldet, bitte verzeiht mir! So viel ist geschehen im vergangenen Jahr, sodass ich total vergessen habe, mich um meine Website zu kümmern. Neue Bücher haben das Licht der Welt erblickt, viele schöne Kurse haben in meiner Küche stattgefunden – und ich habe, zusammen mit meiner nepalesischen Wahlfamilie, das große Erdbeben im April 2015 überlebt. Jetzt im Frühjahr wird ein kleiner Artikel von mir in der INTERSEIN, einer buddhistischen Zeitschrift in der Tradition von Thich Nhat Hanh, erscheinen, den ich hier vorweg veröffentlichen werde. So seid Ihr wieder auf dem neusten Stand. Außerdem versuche ich mich wieder regelmäßiger von dieser Stelle aus zu melden – mal schauen, ob’s klappt. Bis dahin alles Liebe, Eure Herzensköchin

Das große allumfassende Herz

Wie durch das Erdbeben in Nepal aus dem Ich ein Wir wurde

 

Mein kleiner, siebenjähriger Patensohn Suresh lebt in einem Waisenhaus nahe Kathmandu. Jedes Jahr im Frühjahr besuche ich ihn und seine zwanzig „Geschwister“ für ein paar Monate – so auch im Frühjahr 2015, als in Nepal die Erde bebte. Es war kurz vor zwölf Uhr mittags, wir saßen gerade alle draußen im Hof des Waisenhauses und aßen gemeinsam Obst und Kekse, als wir ein lautes Donnern und Grollen hörten, das tief aus der Erde kam. Dann begann sich die Welt um uns herum buchstäblich aus den Angeln zu heben. Wir liefen um unser Leben und versammelten uns schließlich alle weinend auf einem brachliegenden Kartoffelacker. Manche unserer Kinder zitterten wie Espenlaub, und ich fühlte, wie Sureshs kleine Hand in der meinen zuckte.

Das Erdbeben dauerte exakt 56 Sekunden. Danach war nichts mehr wie zuvor. In dieser kurzen Zeit wurden wir obdachlos. Unser Waisenhaus stand zwar noch, war aber instabil geworden.

Nach und nach versammelten sich alle Dorfbewohner, darunter viele Freunde und Nachbarn, auf dem kleinen Acker. Allen stand der Schock ins Gesicht geschrieben. Unsere Kinder weinten. Wir Erwachsenen versuchten, uns die Angst nicht anmerken zu lassen. Das Wetter hatte umgeschlagen. Es blies ein kalter Wind. Unter Lebensgefahr liefen wir schnell ins Haus und holten Decken für die Kinder und ein paar Plastikplanen, die wir auf der nackten Erde ausbreiteten. Dann kauerten wir uns alle zusammen, um uns zu wärmen. Viele von uns waren nur leicht bekleidet, denn der Morgen hatte warm und sonnig begonnen.

Zu diesem Zeitpunkt war uns das ganze Ausmaß der Katastrophe noch gar nicht bewusst. Wir dachten, dass sich die Erde nach ein paar Stunden beruhigen würde und wir zu unserem Alltag und in die noch stehenden Häuser zurückkehren könnten. Doch dem war nicht so. Immer wieder erschütterten mehr oder weniger schwere Nachbeben unser Dorf, und gegen Abend wurde klar, dass wir die Nacht im Freien verbringen mussten. Wir hatten zwar alle überlebt, und wie durch ein Wunder war auch niemand verletzt worden, aber 80 Häuser waren eingestürzt – und jene Häuser, die noch standen, waren einsturzgefährdet. Keiner traute sich, in ihnen zu schlafen.

Als die Dämmerung hereinbrach, machten wir uns daran, uns mit den Kindern für die erste Nacht unter freiem Himmel einzurichten. Es würden noch viele Nächte draußen folgen, doch das wussten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht. Der Boden unter uns war uneben, und es war schwierig, eine entspannte Lage für den Körper zu finden. Neben mir, den Kindern und dem Rest der Familie hatten sich noch eine Handvoll Nachbarn auf unserem Feld häuslich eingerichtet. Als wir uns zum Schlafen niederlegten, riss die Wolkendecke auf und gab einen wunderschönen Sternenhimmel frei. Jemand legte mir meinen schlummernden Patensohn in die Arme und deckte uns beide zu.

In jener Nacht machte ich kein Auge zu. Unter mir grollte die Erde, und die Menschen um mich herum waren unruhig. Manchmal wachte jemand auf und sagte etwas in dieser fremden, schönen Sprache, von der ich bis heute nur ein paar rudimentäre Wortfetzen verstehe. Der alte Besitzer des Teehauses, der zwei Körper weit von mir weg lag, schnarchte laut und unregelmäßig. Der Wind pfiff über uns hinweg, doch mir war nicht kalt. Wie in einer aneinandergedrängten Herde von Tieren wärmten unsere Körper sich gegenseitig. Ich fühlte mich mit einem Mal unendlich geborgen, und alle Angst war verflogen. Stille Freude ergriff mein Herz. Wir erlebten alle das gleiche schreckliche Unglück, aber wir waren zusammen, und nur das zählte in diesem Augenblick.

Im Laufe der kommenden Wochen wuchs unser Dorf zu einer eingeschworenen Gemeinschaft zusammen.Wir halfen einander, wo wir konnten, und überlebten auch das zweite, schwere Erdbeben am 12. Mai alle unverletzt.

 

Verbundensein über alle Grenzen hinweg

Die außergewöhnlichen Erfahrungen von Nähe und Mitgefühl haben mich bis heute nachhaltig geprägt. Jegliche persönliche Grenze war damals aufgehoben. Wir schliefen, aßen, weinten und lachten zusammen. Wir teilten alles, denn es gab keinen persönlichen Besitz mehr: Essen, Decken und Kleidung. Gemeinsam betete ich mit den Menschen zu Ram, Krishna und Shiva, und sie sangen mit mir voller Inbrunst die buddhistische Zufluchtnahme. Keiner musste mit seiner Angst allein bleiben, und dieser liebevolle Zusammenhalt wird uns für immer, auch über alle irdischen Grenzen hinweg, miteinander verbinden.

Fünf Tage nach dem ersten großen Beben wagten wir Erwachsenen uns erstmals hinunter in die Stadt, um nach Freunden und Angehörigen zu suchen. Wir trafen auf eine im Kern vollkommen zerstörte Stadt. Alle, die wir kannten, hatten zwar überlebt, doch keiner hatte mehr ein Dach über dem Kopf. Auf dem Tempelplatz im Herzen Bhaktapurs standen inmitten des Chaos große Zelte mit chinesischen Schriftzeichen. Es hatte sich in der Bevölkerung längst herum gesprochen, dass China und Indien als erste Hilfe gesandt hatten. Eigentlich waren alle skeptisch, denn mit beiden Ländern hat das kleine Nepal immer wieder politische Probleme, doch nun begrüßten uns vor den Hilfszelten freundliche und warmherzige Menschen, die alles dafür taten, damit es uns besser ging. Wir wurden mit Medikamenten und Hygieneartikel versorgt. Ein junger chinesischer Arzt versprach uns, ins Dorf zu kommen, um alle Kinder, die bereits erste Anzeichen von Hauterkrankungen zeigten, zu untersuchen. Am nächsten Tag kam er in einem Armeejeep angefahren, auf der Pritsche Plastikplanen und mehrere Säcke Reis für uns und die Kinder.

 

Das liebevolle Herz in jedem von uns

Neben den vielen großen und kleinen Erfahrungen des Zusammenhalts in unserem Dorf ist mir am lebhaftesten die Begegnung mit unserer Schneiderin in Erinnerung geblieben. Kurz vor den Beben hatte sie in Bhaktapur geheiratet und sich einen großen Wunsch erfüllt: Oberhalb des kleinen Lebensmittelladens ihres Mannes war eine kleine Nähstube für sie eingerichtet worden. Eine Woche vor dem ersten Beben hatte ich sie in ihrer Stube besucht und ihr den Auftrag gegeben, Schuluniformen für unsere Kinder anzufertigen. Sie war so stolz auf ihre Nähmaschine. Wir lachten, alberten herum und tranken eine Tasse Tee nach der anderen.

Nach den Beben konnten wir sie telefonisch nicht mehr erreichen. Als wir in die Stadt kamen, galt unser erster Besuch der Straße, in der ihr Haus gestanden hatte. Alles war dem Erdboden gleich, kein Stein lag mehr auf dem anderen. Wir fanden sie ein paar Meter weiter unter einer Plastikplane auf einem kleinen, offenen Platz. Sie und ihre Familie hatten nichts mehr – nicht einmal ein Zelt, das ihnen Schutz vor dem Regen bot –, und dennoch hatte diese 23-jährige Frau 15 Nachbarn angeboten, Zuflucht unter ihrer zerlöcherten Plastikplane zu suchen. Noch heute steigen mir die Tränen in meine Augen, wenn ich an ihre heitere Zuversicht und an ihr Gottvertrauen denke, das sie trotz ihres Verlustes und des Leidens um sie herum ausstrahlte. Zwei Tage später kaufte ich ein großes, solides Zelt in Kathmandu, und sie konnte mitsamt ihren Nachbarn „umziehen“.

Während dieser Wochen voller Angst und Ungewissheit lernte und erfuhr ich hautnah, was ich schon immer wusste: Menschsein hat nichts mit Nationalität und Hautfarbe zu tun. Wir alle sind, sowohl in der Angst als auch im Mitgefühl, untrennbar in Bodhichitta, dem großen, allumfassenden Herzen, vereint. Wir empfinden dasselbe, und jeder Einzelne ist im Tiefsten, davon bin ich fest überzeugt, mitfühlend und liebevoll. Es liegt an uns, ob wir bereit sind, die Verkrustungen, die unsere Herzen umgeben, abzuschlagen und aufzulösen, damit Mitgefühl und Freude ungehindert fließen können – und zwar nicht erst dann, wenn uns eine große Katastrophe heimsucht.

Im Oktober 2016 werde ich meine nepalesische Familie endlich wiedersehen!

 

Spenden bitte an www.handswithhands.com – Verwendungszweck: Bhaktapur Childrenhome


 

Nächste Termine



Dieser Banner mit den aktuellen Terminen kann auf anderen Webseiten eingebunden werden (Größe und Farben sind anpassbar). Bitte melden bei Interesse.

Archive

realisiert von Jan