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Nachruf auf eine Unbekannte

Gestern war ich mit einer Freundin in einem meiner Lieblingrestaurants essen. Wir haben herrlich französisch gespeist und es uns so richtig gut gehen lassen. Zu vorgerückter Stunde erinnerte ich mich plötzlich an dich. Als ich vor einem halben Jahr mit der gleichen Freundin am gleichen Tisch saß, bist du zu uns herüber gekommen. Du warst auffallend bunt gekleidet, dein blondes Haar hattest du lose zu einem Dutt aufgesteckt, dein Lippenstift war verschmiert … du hast leicht geschwankt, ein halb volles Glas Rotwein in der Hand. Du hast das Gespräch mit uns gesucht. Eine betrunkene Frau in meinem Alter, die verzweifelt Kontakt suchte. Meine Freundin und ich antworteten nur halbherzig und waren froh, als du dir an der Bar ein anderes “Ofer” suchtest. Wir fühlten uns peinlich berührt. Der Wirt erzählte uns, dass du häufig zu ihm ins Lokal kommst, um dich zu betrinken. Keiner wollte so wirklich etwas mit dir zu tun haben – keiner wollte deine Gesellschaft. Eine gescheiterte Existenz, mühsam durch bunte Kleidung zusammen gehalten, laut nach dem nächsten Glas Wein schreiend, mit traurigen Augen und einem müden Lächeln, das eigentlich gar kein Lächeln mehr war.

Zu vorgerückter Stunde erinnerte ich mich plötzlich an dich und habe erfahren, dass du vor ein paar Wochen deinem Leben ein Ende gemacht hast. Du hast alles Bunte an dir abgelegt, hast dir ein Glas Wein eingeschenkt, dein Badezimmer luftdicht verschlossen und in der Badewanne Kohlen zum Glühen gebracht. Der Rauch hat dich für immer einschlafen lassen. Ich wünsche dir so sehr, dass dich das Licht, das du bei deinem letzten Atemzug gesehen hast, freundlich bei der Hand genommen hat, um dich mit einem sanften Kuss in den Himmel zu entführen – dorthin wo es für deinen Schmerz keinen Platz mehr gibt.


 

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