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SEGEN – Teil 2

Heute stand Eure Herzensköchin in der Küche des Gartensalons wie ein Zombie. Hinter mir eine schlaflose Nacht, vor mir ein Berg Paprika, die alle in kleine Stückchen geschnitten werden mussten. Ich brauchte doppelt so lange wie sonst, war unendlich langsam und wartete eigentlich nur die ganze Zeit wie auf Kohlen darauf, dass Amy und Simone auftauchen würden. Die beiden sind meine Kolleginnen, Amy steht hinter der Bar und Simone macht den Service. Nichts gegen Ines, meine Chefin, mit der ich die ersten 1,5 Stunden in aller Herrgottsfrühe alleine zusammenarbeite, aber wenn die beiden kommen, dann geht für mich im Herzen die Sonne auf. Und das hatte mein Herz heute echt dringend nötig, so zappenduster es dort drinnen war. Es gibt so Tage, wo man sich einfach nur beschissen fühlt. Ich fühle mich dann als Versagerin, bin ängstlich und habe das Gefühl das hässlichste Entlein auf der Welt zu sein  – meine Pickel müsstet ihr im Momant mal sehen soooooo schlimm. Ich führe innerliche Dialoge, in denen ich mich selbst beschimpfe und mich abgrundtief für Dinge und Gesagtes schäme – manchmal in einem vorangegangenen Streit oder in welcher Situation auch immer. In meinem Fall wars ein Streit, bei dem ich mich zum Teil sehr unfair benommen habe und ich nicht in der Lage gewesen bin mich zu stoppen. Kurz gesagt: Heute morgen ließ das Elend grüßen und ich kam schon mit tränennassen Augen im Salon an. Mir halfen weder achtsames Paprikaschnippeln noch das bewusste Fühlen von Jack, meinem Messer, in meiner Hand – Nix, Null, Niente, das gähnende Schmerzloch in meinem Herzen war immer noch da und hauchte mich mit seinem schlechtem Atem dermaßen mies an, sodass ich nicht einmal einen Kaffee trinken konnte, was echt was heissen mag. Nüchtern im Magen und traurig in der Seele, welch garstige Kombination. Wehe, es sagt jetzt jemand: “Das tut bestimmt deiner Figur gut!” Untersteht Euch! Dann kam Amy, die gleich sah, was los war und mir mit ihren einfühlsamen Worten und einer extra dicken Umarmung erst mal den Kloß im Hals entfernte. Keine Ahnung, wie sie das gemacht hat. So jung und schon so eine kluge und warmherzige Frau, da könnte ich gleich wieder vor Scham in den Erdboden versinken, aber irgendwo muss mit der Selbstkasteiung auch mal Schluss sein. Eine halbe Stunde später kamen Simone und die hüpfende  und durch und durch fröhliche Hermine, unser Salonhund, eingerauscht. Irgendwie sah Simone auch nicht recht viel besser aus als ich, und das mag heute echt was heissen. Aber erst nach zwei Stunden hatte sie sich innerlich wohl so weit gefangen, dass sie mir ohne Heulkrampf aber mit nassen Augen erzählen konnte, dass ihr Mann ins Krankenhaus eingeliefert wurde, weil er ohnmächtig geworden war – und keiner weiß bisher, was los ist. Ihre Angst und die Sorge waren so greifbar, dass es mir den Atem verschlug. Und plötzlich wurde mir klar, dass  nicht alleine und einsam auf einer Insel des Schmerzes sitze und quasi ein Alleinrecht darauf gepachtet habe: wir sitzen alle im gleichen Boot, bzw. auf einer eher hoffnungslos überfüllten Insel, und kämpfen  manchmal mit Sorgen, Nöten, inneren Blockaden und all dem anderen Kram, der unser ganzes liebendes Herz fordert. Und komischerweise wurde es mir bei dem Gedanken, dass ich nicht alleine bin gleich ein bisschen leichter ums Herz. Hoffendlich geht alles gut bei Reiner, Simones Mann, ich drück ihm die Daumen – und werde es Euch berichten. Als ich dann um 11 Uhr nachhause radelte, kam mir nochmal der segnende Großvater aus der Geschichte von Rachel Remen in den Sinn. Der, der seine Enkeltochter einmal die Woche für all ihre Bemühungen segnet, seinen sie nun gelungen oder nicht – aber vor allem für diejenigen, die die Woche über in die Hose gegangen sind und für die das kleine Mädchen sich sehr schämte. Ich war die letzten Tage echt nicht gerade einfühlsam und empathisch gewesen, aber was wäre, wenn ich mich nicht dafür weiterhin beschimpfe sondern mich selbst für das segne, was dahinter steckte: der ausgesprochen holperige Versuch, Klarheit zu bekommen. Ich bin extra vom Rad abgestiegen, hab mir mich selbst als kleines Mädchen vorgestellt, deren damalige Versuche, Klarheit in einer Welt von Verworrenheit und Angst zu bringen, genauso holperig  gewesen sind wie jetzt als Erwachsene – und hab mich dafür gesegnet.  Wir geben echt alle unser Bestes, vergesst das nicht – selbst bei der verkackten Gemüselasagne von letzter Woche! Daran ist übrigens Gott sei Dank auch keiner gestorben :) Also, wenn grad kein anderer zur Hand ist, dann segnet Euch selbst . . . Alles Liebe, Euer Küchenzombie vom Dienst


2 Comments

  1. die Geschichte von Rachel Remen und seinen einfühlsamen Segnungen die seiner Enkeltochter galten erzähle ich sehr gern meinen Klienten, wenn es passt. Ich finde, es ist eine sehr wichtige Geschichte

  2. sorry ich meinte natürlich nicht die Segnungen von Rachel sondern die vom Großvater :-)

 

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