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Für Rosi

Liebe Rosi,

heute, am 14.2., am Valentinstag, hast Du Geburtstag – Du hast Ihn nicht mehr erlebt. Gestern, am 13.2. ist Dein Herz stehen geblieben!

Eigentlich habe ich Dich gar nicht gut gekannt. Du bist die Mama meiner “kleinen” Lieblingscousine Sofia und hast vor Jahren eingeheiratet in den Seethaler-Clan. In der Familie erzählt man sich, dass Du und Luggi, der jüngste Bruder meines Vaters, Euch sehr mochtet und dass Ihr eine gute Ehe hattet. Ich hab von all dem – weit weg in München – nicht viel mitbekommen. Vor 5 Jahren ist der Luggi gestorben, auch so verdammt jung wie Du jetzt. Mitte 50, das ist doch kein Alter, sagen die Alten. Sie haben recht!

Damals habe ich Dich am offenen Grab Deines Mannes wiedergesehen. Du hielst Deine schluchzende Tochter in den Armen und warst selbst ganz erstarrt. Die Sonne schien an diesem Dezembertag und der Schnee glitzerte zwischen den Kränzen und am Rande des gähnenden Lochs. Du standst da, aufrecht und würdevoll, eine junge Witwe.

Dann verlor ich Dich wieder aus den Augen. Aber Sofia und ich kamen uns näher. Und obwohl zwischen uns beiden eine Altersunterschied von 20 Jahren liegt, überbrückten wir zwei Cousinen dieses Gefälle mühelos und wurden plötzlich Freundinnen. Ich glaube, Dich hat das gefreut. Vor fast genau einem Jahr sahen wir uns dann im Rahmen eines Familienfests wieder. Omas 94. Geburtstag, eine fröhliche Kaffeerunde rund um den Tisch der Großmutter. Zu meiner Linken saß Sofia und rechts neben mir auf der Eckbank bist Du gesessen. Du hast gesagt, dass es schön wäre, wenn wir uns mal zum Ratschen treffen könnten. Du hattest immer so eine warme, für meine Ohren etwas tiefere Stimme. Irgendwann nahm Sofia dann meine Hand in die ihre und Du hast uns überrascht angeschaut.  Ich werde diesen Blick nie vergessen . . . ganz lange hast Du mir in die Augen geschaut: Ich sah darin Freude und irgendwie so ein tiefes Verstehen, das ich bis gestern nicht deuten konnte. Seit gestern gilt dieser stumme Austausch für mich als Versprechen, mich immer um Sofia zu kümmern und für sie da zu sein – und vielleicht hast Du damals intuitiv schon gewusst, dass dieses Versprechen an Omas Geburtstag besiegelt wurde. Rosi, Deiner Sofia wird es an nichts mangeln, was man mit Liebe und Zuneigung abdecken kann! Das haben Dir auch Deine Schwestern am Sterbebett versprochen.

Mitte Dezember dann Sofias Hilfeschrei via Mail: Susi, die Mama ist krank, ich steh das nicht noch einmal durch. Erst Papa, jetzt sie!!! Rosi wieso bist Du erst so spät zum Arzt gegangen? Man erzählt sich, dass Du schon so lange Bauchweh hattest. Du bist dann sehr schnell operiert worden; der Krebs hatte schon gestreut. Doch Du warst zuversichtlich. Meine Schwester Michi traf Dich auf dem Hof, Du freutest Dich darauf, dem Übeltäter mittels Chemo die Stirn zu bieten. Hoffnung keimte bei allen auf. Auf dem Foto zu Weihnachten sitzt Du, frisch operiert aber mit lachendem Gesicht, inmitten Deiner Familie und strahlst in die Kamera.

Dann der Schock nach Silverster. Man fand Dich viel zu spät in Deiner Wohnung, Du hattest einen Gehirnschlag erlitten, das Sprachzentrum war zerstört, die rechte Körperhälfte gelähmt, an Chemo war nun erst mal nicht zu denken. In diesem Zustand traf ich dich wieder: Der Sprache beraubt, aber ruhig und würdevoll. Anders kann ich es nicht ausdrücken. Es ist überhaupt diese Würde, die mich in den letzten Tagen so an Dir imponiert hat. Aber ich greife vor.

In der Anfangszeit im Krankenhaus warst Du noch voll die Rosi, die wir kannten. Du konntest zwar nicht mehr sprechen, aber Du hast gelacht, viel gelacht. Als ich in Dein Zimmer kam, hast Du mich zwar nicht mehr erkannt – ich sah kein erkennendes Aufflackern mehr in Deinen Augen – aber irgendwie hab ich das dann vergessen, als ich an Deinem Bett saß und Du zum ersten Mal lachtest. Wir haben Dir ein Foto gezeigt von der Hütte – Du lachend im Schlafanzug in der Küche, Du sahst so süß aus!! Du hast die Berge sehr geliebt, bist oft auf die Hütte, hast überhaupt viele Bergtouren gemacht und bist sogar mit dem Radl über die Alpen gefahren. Dein Körper blieb bis zum Schluß wunderschön und durchtrainiert.

Es begann nun eine Zeit des Hoffens, man sprach von Reha und von einer Wiederaufnahme des Kampfs gegen den Krebs. Auch das Sprechen solltest Du wieder lernen. Du hast sogar ein paar Worte gesprochen: “Aussi”, also “raus”, war Dein erstes. Ein Kind der Berge, das wieder in die Natur will, so haben wir das gedeutet.

Unser ganzes Leben lang haben wir beide uns nie wirklich berührt Rosi, höchstens mal eine Umarmung, wenn wir uns zufällig trafen, und nun saß ich an Deinem Bett und streichelte Dir den gesunden Fuß, der der nicht gelähmt war, und staunte über seine weiche Haut. Ich küsste Dich nach meinem Besuch auf die Stirn und war erstaunt darüber, wieviel Intimität so eine schwere Krankheit plötzlich zulässt.

Zu Omas 95. Geburtstag warst Du nicht mehr dabei.

Dann ging alles Schlag auf Schlag, im wahrsten Sinne des Wortes. Du hattest weitere sieben oder acht Gehirnschläge und es war plötzlich mehr als deutlich, dass es tatsächlich aufs Sterben hinaus ging. In den Tiefen unserer Herzen war uns das allen wohl schon lange klar. Ich glaube, Dir am allermeisten. Menschen, mit denen Du sonst immer nur ein paar Worte gewechselt hattest, saßen nun regelmäßig an Deinem Bett, um Dich zu füttern und Dir beizustehen. Allen voran natürlich Deine Schwestern, Deine Tochter und überhaupt “Dein” Teil der Familie. Aber auch meine Schwester wuchs über sich selbst hinaus und besuchte Dich jeden Tag. Sie rief mich jeden Abend in München an und hielt mich auch dem Laufenden. Sie erzählte mir von den Krämpfen, die Dich schüttelten und von ihrer Angst, dass Du schreckliche Schmerzen leiden müsstest.

Diese Woche hatte auch ich wieder einen Besuch geplant, wer hätte gedacht, dass es der Abschiedsbesuch sein würde. Am Abend vorher rief  Michi an, es ginge zu Ende, das Krankenhaus habe angerufen. Du würdest noch in dieser Nacht sterben. Es war 22 Uhr. Alle versammelten sich um Dein Bett, hielten Nachtwache, blieben bei Dir. Auch ich blieb lange wach in dieser  Nacht und wartete auf einen weiteren Anruf. Am nächsten Tag warst Du noch am Leben. Ich durfte nun auch zu Dir kommen.

Als ich das Krankenzimmer betrat war es voller Menschen. Und trotzdem herrschte eine feierliche Stimmung. Du lagst erhöht, Dein Gesicht war schon vom nahen Tod gezeichnet. Aber ich fand Dich wunderschön. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich schon auch Angst, Dir so zu begegnen, aber Du hast es mir sehr leicht gemacht. Du warst ganz heiß, Dein Haar so dunkel, vielleicht vom Schweiß, und von einer Freundin nochmal geschnitten. Deine Augen waren offen, sie rollten hin und her. Ich konnte nicht anders, ich musste Deine Stirn küssen. Dein Atem ging immer wieder schwer – und setzte manchmal für eine Zeit lang aus. Deine Brustkorb wölbte sich so eigenartig. Du lagst ganz still da inmitten Deiner Lieben. Ich hab mit Dir geatmet. Es war so eigenartig, ich musste immerzu lächeln. Ich hab in Dein Gesicht geblickt und konnte hinter der Maske des Sterbens schon das Licht sehen. Einmal hast Du Dich verschluckt und Deine Schwester Edeltraud hat Dich unendlich zart nach oben gehoben, damit Du mehr Luft bekommst. Das war die zärtlichste Geste, Dich ich je gesehen habe. Du hattest solch ein Glück, denn um Dich rum waren nur liebevolle Menschen.

Auch wenn alle sagen, dass Du bereits “weg” warst, Du hast mich mit einem Auge immer wieder fixiert und ich bin in diesen Blick hinein gefallen. In diese Unendlichkeit hinein habe ich mein Verprechen nochmal erneuert, dass ich für Dein Kind, für meine Freundin und Cousine, da sein werde – genau wie die anderen auch alle.

Gegen Nachmittag sind wir “Jungen” dann nachhause gefahren, um am Abend nochmal wieder zu kommen. Deine beiden Schwestern wichen nicht von Deiner Seite. Um 18 Uhr lösten wir die zwei ab. Nun saßen Sofia, Quirin, Michi und ich nochmal um Dein Bett herum. Dein Zustand hatte sich laut Schwester nicht verändert, aber Michi und ich bemerkten, dass Dein Gesicht anders aussah. Du lagst immer noch ganz still, die Augen geöffnet. Du hattest den ganzen Tag nicht gezwinkert und nun waren sie etwas rot und sahen wund aus. Als Michi Deine Wange streichelte rollten Deine Augen in ihre Richtung. Deine Hände waren ganz heiß und so unendlich zart.

An diesem Abend verabschiedeten wir uns von Dir für immer – Michi und ich sollten Dich nicht wieder lebend sehen. Es berührte mich unendlich, als Michi ganz zart Dein Gesicht küsste und “Schlaf gut, Rosi” zu Dir sagte. Die Nacht über bliebst Du alleine. “Manchmal gehen Menschen leichter, wenn Ihre Angehörigen nicht dabei sind,” sagten die Ärzte. Du bist noch ein bisschen da geblieben.

Gestern gegen 17 Uhr bist Du gestorben. Deine beiden Schwestern, Tine und Edeltraud, waren bei Dir. Du hast einfach ein letztes Mal ausgeatmet und bist gegangen.

Liebe Rosi, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, aber ich finde, dass Du mit großer Würde und Schönheit diese Erde verlassen hast. Für mich war es ein ausserordentliches Geschenk, Dir nochmal so nah sein zu dürfen. DANKE! Und sag dem Luggi einen schönen Gruß!!!

 

 

 


1 Comment

  1. Liebe Frau Seethaler,
    tief bewegt habe ich diese wunderbaren Zeilen gelesen. Ich kannte die Rosi vom Spinning im Medius, ich mochte sie vom ersten Tag an sehr. Als ich die Todesanzeige in der Zeitung gelesen habe, es hat mich so sehr getroffen, ich hatte ja überhaupt keine Ahnung. Ich muss so oft an sie denken, wir kannten uns ja nur aus diesen paar Stunden, die wir gemeinsam beim Sport verbrachten, aber Rosi war für mich immer was besonderes. Sie sind eine tolle Familie, schön, dass es so etwas in dieser Zeit noch gibt. Danke für diesen schönen Brief an sie, die Rosi wird auch für mich immer einen Platz im Herzen haben, alles, alles Liebe und Gute für Ihre Freundin Sofia, ich bin sicher, dass Sie ihr immer beistehen werden.
    Lieben Dank nochmal für diese Zeilen, Maria

 

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